Hört die Schreie Dersims, scheut Euch nicht vor der historischen Wahrheit

Hört die Schreie Dersims, scheut Euch nicht vor der historischen Wahrheit
Nachdem der Dersimer Parlamentsabgeordnete Hüseyin Aygün in einer Zeitung die Ereignisse von 1937/38 in Dersim dargestellt hatte, verlangten 12 Abgeordnete der volksrepublikanischen CHP, “notwendige Schritte” ihm gegenüber einzuleiten. Diese Abgeordneten kennen zwar weder die Menschen Anatoliens noch die Ereignisse in Dersim, aber sie machten Hüseyin Aygün zur Zielscheibe einer demagogischen Hetzkampagne. Aufgrund dieser Hetzkampagne kam die CHP Fraktion zusammen und erwartete von Aygün, der selbst CHP-Abgeordneter ist, eine Rechtfertigung.
Wir möchten die türkische Öffentlichkeit informieren, dass Hüseyin Aygün nichts Anderes getan hat, denn als Vermittler aller Dersimer, Aleviten und Humanisten aufzutreten. Er hat auf eine seit 74 Jahren blutende Wunde hingewiesen. Wir unterstützen die Erklärung von Herrn Aygün und unterstützen seinen basisdemokratischen Kampf.
Was ist während des Dersim Massakers passiert?
Der Ausrottungsbefehl gegen das Volk von Dersim, der als “Dersim Bestrafungsoperation” in die Geschichte eingegangen ist, wurde auf einer Kabinettssitzung am 4. Mai 1937 beschlossen. Am selben Tag noch wurde Dersim bombardiert. Die Operation dauerte fast 2 Jahre. In ihrem Verlauf wurden mehrere zehntausend Menschen getötet, ebenso viele an unbekannte Orte deportiert. Familien wurden außeinandergerissen, die Intelligenz widerrechtlich und mit außergesetzlichen Verfahren zum Tode verurteilt. Verwandte von Exekutierten sind noch immer auf der Suche nach den Gräbern ihrer Vorfahren. Und bis heute sind in den Zeitungen Vermisstenanzeigen von Angehörigen der Kinder zu finden, die zu Tausenden in Pflegefamilien bzw. Waisenheime gegeben wurden.
Die Militäroperation 1938 hinterließ eine ganze Generation ohne Familie. Viele Hinterbliebenen sind ohne Onkel, Tante und sonstige Verwandte groß geworden. Ein Dersimer weiß nur zu gut, was es heißt, ohne Vater, Mutter und Verwandte aufzuwachsen.
Die faschistische Ideologie “Eine Nation, ein Glaube” fasst die kulturelle Vielfalt nicht als Bereicherung, sondern als existentielle Bedrohung auf. Weil sie eine andere Sprache sprach und sich zum alevitischen Glauben bekannte, ist fast eine ganze Volksgruppe bestialisch ermordet worden.
Damit die Türkei wieder den Platz an der Seite der zivilisierten Völker einnimmt:
Unser Zeitalter ist bekannt als das Zeitalter, in dem sich die Völker ihrer historischen Verantwortung stellen und sich für ihre Schandtaten entschuldigen. Zivilisierte Länder betrachten kulturelle Vielfalt als Bereicherung und stellen sie infolgedessen unter Schutz. Die Verantwortlichen der Schandtaten stellen sich der Verantwortung, indem sie sich bei den Opfern entschuldigen. Die Liste der Beispiele ist lang. So machte es Deutschland bei den Juden, Italien bei den Libyern, Spanien bei den Juden, Japan bei den Chinesen, Australien bei den Aborigines, Amerika und Kanada bei den Indianern.
Indem sich diese Nationen ihrer Vergangenheit stellten, haben sie sich nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern umgekehrt viel Anerkennung geerntet. Nur wenn sich die Türkei ihrer historischen Vergangenheit stellt, wird sie in die Völkerfamilie der zivilisierten Nationen zurückkehren. Denn der Weg in eine Demokratie führt über die Auseinandersetzung mit der eigenen schmerzhaften Vergangenheit.
Die Dersimer dürsten nicht nach Rache. Unsere Kultur hat uns Menschenliebe und nicht Rachegelüste gelehrt. Unser Appell ist auch nicht als Rache oder Abrechnung zu verstehen, vielmehr soll er zu Frieden und Verständigung beitragen, indem er den türkischen Staat auffordert, sich seiner historischen Verantwortung zu stellen und die Vorfälle in Dersim 1938 aufzuarbeiten.


Die CHP muss sich bei den Dersimern entschuldigen
Die oppositionelle CHP darf sich nicht in Ausreden flüchten. Sie muss ihre Rolle während des Dersim Massakers aufarbeiten und sich bei den Dersimern entschuldigen. Wer sich bei den Opfern für eine Schandtat nicht entschuldigen kann, kann kein Demokrat werden. Wie sollen Abgeordnete, die mit den Angehörigen der Opfer die Reihen im Parlament teilen, aber den Schmerz ihrer Kollegen nicht nachvollziehen können, demokratische Grundsätze vorleben? Die Aussagen des Dersimer Abgeordneten Aygün und die folgenden Diskussionen sollten als Anstoß zu einer lückenlosen Aufarbeitung der Vorfälle genutzt werden.
Wir unterstützen die Öffnung der Archive des türkischen Staates, so wie sie der CHP- Vorsitzende Kilicdaroglu fordert. Nur die Offenlegung aller Dokumente kann endgültig Licht ins Dunkel bringen. Viel kann aber auch erfahren, wer beispielsweise in den Ort Nazimiye fährt und Überlebende der Massaker befragt. Unsere Föderation, die im Rahmen des “Oral History Projekts Dersim 1938” die Erinnerungen von Überlebenden und Zeugen aufzeichnet, verfügt auch über die Aussagen von Verwandten des CHP-Vorsitzenden Kilicdaroglu. Aus ihnen geht hervor, dass Kilicdaroglu 40 Verwandte am Düzgün Baba durch Bajonettenhiebe verloren hat. Falls Herr Kilicdaroglu dies wünscht, können wir ihm die Aufzeichnungen zukommen lassen.

Erdoğan und Gül müssen sich verantwortlich erklären
Herr Erdogan, jeder Staat kennt Kontinuität. Während der Vorfälle in Dersim war Mustafa Kemal Staatspräsident, Ismet Inönü und Celal Bayarwaren Ministerpräsidenten. Heute sind Sie verantwortlicher Regierungschef und Herr Gül ist Präsident. Sich mit der historischen Schuld auseinanderzusetzen, steht in Ihrer beider Verantwortung.
Sie sagten: “Ich habe Dokumente”. Warum haben Sie diese nicht veröffentlicht? Warum haben Sie die Archive nicht geöffnet?
Sie sagten: “50.000 unschuldige Menschen wurden ermordet”. Warum haben Sie nichts unternommen?
Sie sagten: “Diejenigen, die die Morde in Dersim verteidigen, haben ihre Schuld ausgeblendet”. Warum haben Sie, anstatt sich dem Leid der Dersimer zu öffnen, dieses nur als Propaganda gegen ihrer politischen Rivalen eingesetzt? Ihre Aussagen von den Kundgebungen vergaßen Sie in Ankara.
Herr Erdogan, wir erwarten von Ihnen als Ministerpräsident, dass Sie endlich die erforderlichen Schritte zur historischen Aufarbeitung und der Übernahme der Schuld einleiten.
Herr Präsident Gül: Die Menschen in Dersim sind verbittert. Unser Volk und die alevitische Gemeinde erwarten eine Entschuldigung. Eine Entschuldigung ist keine Schmach, sondern ein Zeichen von Größe. Nur durch eine historische Aufarbeitung kann die Türkei seinen Platz an der Seite der zivilisierten Völker einnehmen. Der Weg zur Demokratie in der Türkei führt über die Aufarbeitung der historischen Vorkommnisse. DAS WIEDERHOLT AUSFÜHRUNGEN AM ANFANG!!!
Hört die Schreie der Dersimer und setzt Euch mit der Geschichte auseinander!
1. Die Dersimer erwarten seit 74 Jahren eine Entschuldigung. Der 4. Mai soll zum Gedenktag an die Dersimer Vorfälle erklärt werden.
2. Nach 74 Jahren soll das Grab des am 15. November 1937 erhängten Anführers von Dersim Seyid Riza und seiner Freunde publik gemacht werden.
3. Die Namen der 1938 verschwundenen Kinder sollen veröffentlicht werden. Obwohl 74 Jahre vergangen sind, sind immer noch viele Verwandte dieser Kinder auf der Suche.
4. Die Staudammprojekte am Munzur, Peri und Harcik sollen gestoppt werden.
5. Die 100 in Erzincan verschleppten und am Zini Bergpfad ermordeten Alewiten müssen nach Aufklärung ihrer Identität mittels eines DNA-Tests nach religiösem Ritus bestattet werden.
6. Zudem sollte in der türkischen Nationalversammlung eine “Aufklärungskommission Dersim 1937-1938” gegründet werden.
7. Die CHP muss ihre historische Schuld eingestehen und sich bei den Dersimern entschuldigen. Diese Partei hat die Morde in Dersim zweifelsohne geplant und durchgeführt. Leugner wie das CHP-Mitglied Onur Öymen müssen aus der Partei ausgeschlossen werden.
Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland (AABK)
Föderation der Dersim Gemeinden in Europa (FDG)










